In den Fünfziger Jahren waren in Altdorf und andern Dörfern und Städten Mädchen und Buben getrennt. Es gab Mädchenbereiche und
Bubenbereiche, klar voneinander abgegrenzt, in der Schule, auf dem Spielplatz, in den Vereinen. Mädchen und Buben begegneten einander
bloss von weitem, etwa beim Gang in die Schule, oder in der Dämmerung nach der Rosenkranz-Andacht. Viele fühlten sich wohl in den
abgeteilten Buben- oder Mädchenwelten, andere machte die Abgrenzung neugierig: Was war mit „den andern“ los? Wie waren sie eigentlich?
Waren sie interessant?
Ich gehörte zu jenen, die sich nach „den andern“ umsahen. Eines Tages sah ich – ich war zwölf Jahre alt – auf dem Friedhof einen
Gleichaltrigen, er stand mit Verwandten herum und lachte jemandem zu. Gekleidet war er armselig, seine Jacke hatte eine undefinierbare Farbe,
die Hosen schlotterten um seine Bubenbeine. Trotzdem versprühte er Charme, und sofort wurde er meine Lieblingsgestalt. Mit braunem
Gesicht, braunen Haaren, braunen Augen und einer bestimmten Art von Nonchalance. Ich empfand Sympathie.
Es war eine durch und durch einseitige Sympathie, aber das störte mich nicht. Jetzt noch schaue ich mich bei gelegentlichen Besuchen in
Altdorf stets um, immer auf der Suche nach jenem kindlichen Ideal, in das ich vernarrt war. Andern Mädchen erging mit andern Idealfiguren
ähnlich, und so waren wir bestrebt, keine Begegnung – und wäre sie auch noch so flüchtig zu verpassen. Das Beobachten und Liebäugeln
war aber mit etlichen Schwierigkeiten verbunden; das machte die Sache erst interessant.
Wir waren wir auf zufällige Begegnungen angewiesen, jeder Gang ins Dorf konnte ein Abenteuer werden. Ein vorsichtiger Blick, zwei
drei Augenaufschläge, nicht einmal ein „Salü“ lag drin, die Zuneigung blieb still und stumm, denn wenn wir Mädchen angebändelt hätten,
wären wir umgehend „Buebemaitli“ geworden. Wer wollte das schon sein. Ich habe mir sagen lassen, dass die heimlichen Liebschaften der
Buben nach ähnlichem Muster verliefen.
Wenn wir „dem andern“ begegneten, geschah nichts. Einander sehen, das war die Erfüllung. Für unsere Wissbegierde in Bezug auf das
andere Geschlecht reichte dies natürlich nicht aus, wir waren auf mehr Informationen angewiesen. So gruben wir Lesemäuse uns durch die
halbe Dorfbibliothek, lasen Liebesgeschichten, Liebesromane, mit der Zeit wussten wir Bescheid über Sehnsüchte, Wartezeiten,
Trennungen, Abweisungen, über Liebesglück und Verzweiflung, über die ganze Dramatik unerfüllter und erfüllter Liebe. In allen
Schattierungen.
Damals beschäftigt mich die Frage, ob meine Sympathie erwidert würde, gar nicht. Ich liebte einseitig, eingleisig, idealistisch, dem Augenblick
verhaftet. Obwohl das Thema unerwiderte Liebe in allen Büchern vorkam, schloss ich diese Tragik für mich aus. Das Liebäugeln blieb aber
geheim, man sagte das – wenn überhaupt - nur der allerbesten Freundin, und wenn sie die Sache ausgeplaudert hätte, wäre es Hochverrat
gewesen. Schulschatz-Geschichten gelangten nicht an die Öffentlichkeit. Die idealisierten heimliche Freundschaften blieben geheimer als die
Sünden, die wir beichteten. Deshalb waren sie ja auch so zauberhaft.
Eine meiner Freundinnen begegnete später, als sie erwachsen geworden war, dem Freund der Kindertage, und sie waren eine Zeitlang zusammen.
Es war nicht mehr dasselbe. Als Erwachsener konnte der Knirps, mit dem sie herumgehüpft war, ihre grenzenlosen Erwartungen nicht einlösen.
Die Wirklichkeit hielt den Träumen nicht stand. Als Kinder mussten wir ja die Höhen und Tiefen des Liebeslebens nicht bewältigen – diese
Aufgabe kam später. So bescherten uns die heimlichen Liebschaften Herzflattern, waren aber gleichzeitig unrealistisch, verspielt und verträumt.
Wie eine Wolke am Sommerhimmel verschwanden sie im blauen Himmel, und nur wir selbst wussten, dass es sie einmal gegeben hatte.