Wo die Liebe hinfällt

Folgende Porträts sind im
Limmattaler Tagblatt erschienen:
Im Bahnhof von Amors Pfeil getroffenr

Im Bahnhof von Amors Pfeil getroffen

Als Annarita und Peter Müller einander in einem Bahnhof näher kamen, waren sie gerade 17 Jahre alt. Jetzt sind sie fast 30 Jahre verheiratet.

Helen Busslinger-Simmen

Sicht von Annarita Müller

Ihr fiel im Gymnasium ihr Schulkollege Peter, den man „Sheriff“ nannte, mit seinen dunklen Augen auf. Bald war sie verliebt bis über die Ohren, die erste Liebe, mit siebzehn Jahren. Natürlich ging sie wegen ihrem hübschen und klugen Sheriff gern zur Schule, doch schien es ihr, er sei zu allen nett, er bevorzuge sogar andere. Sie sagt: „Unsere Freunde wussten bald einmal, dass es bei uns beiden gefunkt hatte, nur wir, wir wussten es nicht.“

Weil Peter entgegen dem Mainstream Country-Musik liebte, nahm sie allen Mut zusammen und schenkte ihm eine CD, die er - so hörte sie von seinen Kollegen – ziemlich daneben fand. Offensichtlich ein Flop. So ging es weiter mit Liebäugeln und Warten, schliesslich trafen sich die beiden auf dem Minigolfplatz, später setzten sie sich beim Warten auf den Zug auf eine Bank. Sie fielen einander in die Arme und entdeckten ein Liebeserwachen in biblischem Ausmass. Sie sagt: „Wir hörten die Engel im Himmel und feierten wahre Kussorgien. Eine unvergessliche Stunde zwischen vorbeirasenden Zügen.“

So dynamisch wie der Anfang blieb ihr Zusammensein über all die Jahre. Eine fast übermenschliche Herausforderung war der Tag, als der Vater die gebürtige Italienerin nach Italien holen wollte. Sie widersetzte sich diesem Ansinnen und blieb in der Schweiz. Bei Peter. Auf sich gestellt, machte sie das Handelsdiplom und arbeitete nebenher als Verkäuferin. Peter arbeitete in der Gastronomie, es folgten drei Jahre Berufstätigkeit in Italien. Schliesslich kehrten die beiden in die Schweiz zurück und erhielten nach verschiedenen Ausbildungen und Arbeit in leitender Funktion die Gelegenheit, die „Linde“ in Schlieren zu übernehmen.

Sie sagt heute: „Das Geschehen auf der Bahnhofbank war die Utopie der Liebe, ein Traum, wir bekamen eine Ahnung, wie es sein konnte.“ In all den Jahren hätten sie verschiedene Prozesse mitgemacht, natürlich. „Aber uns beiden ist die Weiterbildung, das Ausschauen nach neuen Horizonten unheimlich wichtig – es verbindet uns.“ Die erste Liebe, die mit so viel Kraft in ihr Leben eingebrochen war, bleibt – welch ein Glück - in verschiedenen Facetten bestehen.

Sicht von Peter Müller

Im Gymi fiel sie ihm auf, die hübsche Italienerin, aber er war schüchtern, viel zu schüchtern, um sie anzusprechen. Unentwegt dachte er über eine Annährung nach. Beim Minigolfspielen durfte er ihre Hand führen, doch es war ein Flop, ungeschickt schlug sie ihm mit dem Schläger auf die Schläfe, worauf sie ihn mit einem Taschentuch pflegte. Er sagt: „In einer Liebesstunde auf dem Bahnhof erlebten wir die Seligkeit, die man sich vorstellt.“ Dass sie ein Paar waren, goutierten die Lehrer nicht, damals waren die Sitten so streng, wie man es heute nicht mehr kennt. Man appellierte an ihre Vernunft. Aber sie konnten nicht voneinander lassen und verliessen vorzeitig die Schule. Er sagt: „Alles war einfach. Meine quirlige Italienerin war mein ganzes Glück.“

Bald fiel die Entscheidung ihres Lebens. Die Familie der Freundin zog nach Italien, doch sie wollte bei ihm bleiben, was ihm unheimlich Eindruck machte. Sie wohnten versteckt in einer kleinen Wohnung, das Zusammenleben war damals verboten. Er machte eine Kellnerlehre, sie die Abenhandelsschule. Dann versuchten sie ihr Glück in Italien und führten drei Jahre lang eine Espressobar. Jetzt war plötzlich er der Ausländer, sie beschlossen zu heiraten, damit er eine Arbeitsbewilligung erhalten könnte. Nach viel Papierkrieg erfuhr er, dass die Schweiz ja mit Italien bilaterale Abkommen unterhält und die Heirat nicht nötig gewesen wäre.

Als sie in die Schweiz zurückkehrten, hatten sie das Glück, sofort gute Stellen zu finden, und sie tuckerten mit unserer Vespa durch Zürich. Beruflich ging es immer aufwärts. Er machte das Wirtepatent, die Ausbildung zum diplomierten Hotelier und absolvierte Seminare und Managerkurse. Als die beiden die „Linde“ übernehmen konnte, war das ein guter Tag. Er sagt: „Wir spornen uns gegenseitig an, beide sind an so vielem interessiert, unsere beiden Söhne fordern und zusätzlich heraus.“ Dank der Mitleitung seiner Frau kann er sein Hobby, das Motorradfahren, pflegen und mit der Harley-Davidson durch die Landschaft gleiten. Weil sie ihr Herz an die „Linde“ gehängt haben, redeten sie zuhause so viel davon, bis eines Tages ihre Söhne dies verboten.