Mit Francesca auf der Suche nach Glück

Spannendes aus dem Limmattal

Folgende Porträts erschienen
im Limmattaler Tagblatt:
Kabarett für Herz und Hirn Kabarett für Herz und Hirn

Mit Francesca auf der Suche nach Glück

Dietikon Verein Kellertheater mit „Glück(s)los“ im Stadtkeller

Francesca de Martin, die in Deutschland eine bekannte Kabarettistin ist, erzählte von ihrer Kindheit in Italien und nahm den Wahnsinn des heutigen Alltags aufs Korn. In atemberaubendem Tempo.

Helen Busslinger-Simmen
Herausfordernd blickte sie ins Publikum, die Hände im Hosenbund. Bei ihrer ungehörigen Rede kam Francesca de Martin mit vier Stühlen und einer weissen Binde um den Kopf als Requisiten aus. Ihre Mimik war wie ein Vulkanausbruch, ihr Bühnen-Hochdeutsch ein Genuss, und niemand im gut besetzten Stadtkeller hat so bislang so rasch italienisch sprechen gehört. Frech nahm sie die Lebenshilfe-Bücher im Supermarkt aufs Korn, die „10 Stufen zum Glück“, Feng-Shui-Seligkeit, Glück mit Dalai Lama, und sie machte auch nicht von eigenwilligen Interpretationen von biblischen Geschichten Halt.

Italien der 60er und 70er Jahre

Von ihrer Kindheit war die Rede, von der redegewandten Müttern und Grossmüttern, von einem dumpfen Bruder, vom Vater, der – santo Cielo – viele Fluchwörter wusste und stets über die Politik schimpfte. Sie beschwörte ihre Kindheit herauf, mit heute streng verbotenem Lutschen von Süssigkeiten, von wilden Verspafahrten, mit einer Familie, die viel gestritten, aber auch zusammen gehalten hat. „Immer haben sie gebaut“, mokierte sie sich über ihre Familie, „stets Ziegel auf Ziegel gesetzt, den ‚Ziegelvirus’ intus.“

Hin und wieder verschlaufte sie sich in ihre Geschichten, kam vom Thema ab, machte verbal einen kurzen Ausflug in den Himmel, wo die Heiligen den Aufstand übten und Gottvater Ruhe gebieten musste. Die detailverliebte Geschichtenerzählerin pendelte in einem Atemzug von Kain und Abel zur Suche nach dem G-Punkt, vom Heiligenlegenden zum Aufschlag von Meteoriten. Ihre Mimik erinnerte an Walt Disney, an Commedia del’arte.

Plädoyer für Weltschmerz

Francesca spottete lustvoll über die Tücken des Alltags, über die Schwierigkeit, einen Tanga am Wäscheseil aufzuhängen. Am liebsten und am längsten liess sie sich über den Supermarkt aus, wo Tomatenbüchsen neben Büchern aufgeschichtet sind. Da gehe man hin, wenn man sich einsam fühle, „weil man im Spass-Markt nie allein ist“. Hin und wieder rief sie dem Publikum einige Weisheiten aus Esoterik-Büchern zu: Simplify your life.

Bei ihrer wortgewaltigen Rede brachte sie die Pointe ganz am Schluss: Glücklich ist, wer den Weltschmerz zulässt, den Blues, die Tristesse, die italienische Melanconia. Für die Gäste im Stadtkeller war es oft verwirrend, aber immer erheiternd, dem Temperamentsbündel zuzusehen, wie es sich bedingungslos auf der Suche nach dem Glückslos machte.