Elisabeth Allemann will traditionsreichen Mercerieladen aufgeben

Spannendes aus dem Limmattal

Folgende Porträts erschienen
im Limmattaler Tagblatt:
Ende eines traditionsreichen Mercerieladens

Mercerie-Laden soll geschlossen und in gute Hände übergeben werden

Dietikon Elisabeth Allemann will traditionsreichen Mercerieladen aufgeben

Rund 40 Jahre führte Elisabeth Allemann ihren Mercerieladen, der über Dietikon hinaus einen guten Namen hat. Jetzt naht das Ende des traditionsreichen Geschäftes.

Helen Busslinger-Simmen

„Sobald ich einen Käufer gefunden habe, will ich den Mercerieladen, der nächstes Jahr das 70. Jubiläum feiern würde, aufgeben“, sagt Elisabeth Allemann und verschweigt nicht, dass sie diesen Entschluss seit langen vor sich her schiebt: „Der Laden ist mein Lebenswerk und das Lebenswerk meiner Eltern.“ Aus gesundheitlichen Gründen könne sie das Geschäft nicht mehr auf unbestimmte Zeit weiterführen. Jetzt gehe es darum, jemanden zu finden, der die Tradition eines optimalen Kundendienstes weiterführe.

Vom Reissverschluss bis zur Stecknadel

Im Laden an der Zürcherstrasse wähnt man sich um Jahrzehnte zurück versetzt. Es ist alles da, was es zum Nähen, Sticken und Stricken braucht, die Ware ist minutiös geordnet und aufgestapelt. Jeder Knopf ist in seiner Schublade, es hat Seide, Wolle und Garne in allen Farben. Aber auch Nützliches kann man kaufen, unverwüstliche Herrenhemden, Sportsachen, Unterwäsche, Kinderkleider. Hier kann man sich inspirieren lassen, meistens verlässt man den Laden mit Dingen, die man gar nicht kaufen wollte.

Ob es um ein Stück Seidenband geht, das gerade mal 50 Rappen kostet, um eine ausgefallene Grösse, um Sockenträger, die man in keinem andern Laden findet, hier wird jeder Bitte entsprochen. „Was nicht hier ist, bestellen wir. Ich weiss, wo man Ausgefallenes erhält“, sagt Elisabeth Allemann und wundert sich darüber, dass zur Zeit Hosenträger in Mode gekommen sind.

Beratung an erster Stelle

Es ist schon so, dass die 81jährige Elisabeth Allemann jene Art Geschäftsführung verkörpert, die vorbei ist. Denn sie hat Zeit, Zeit in Hülle und Fülle. „Jeder Kundin, die bei einer Handarbeit Schwierigkeiten hat, wird weiter geholfen. Auch wenn das Zeit erfordert“, sagt die ausgebildete Handarbeitslehrerin. Wenn ein Kunde, eine Kundin eine halbe Stunde im Geschäft bleibt und schliesslich nicht viel kauft, ist das nicht der Rede wert.

„Heute ist die Beratung bei den Handarbeiten etwas in den Hintergrund gerückt“, berichtet Elisabeth Allemann, „Probleme, die gelöst werden, gibt es noch genug.“ Jemand sucht ein Herrenhemd in einer ausgefallen Farbe, eine Frau möchte einen speziellen Badeanzug, ein Mann kommt vorbei und fragt nach Unterwäsche in einer bestimmten Grösse. Hier wird über keine menschliche Unzulänglichkeit gelächelt. „Diskretion und gute Bedienung – das haben meine Eltern vorgelebt“, sagt Elisabeth Allemann.

Andere Zeiten

Als die Eltern der jetzigen Geschäftsführerin, Albert und Katharina Allemann, im Jahr 1937 das Geschäft eröffneten, gab es vier Handarbeitsgeschäfte in Dietikon. Elisabeth Allemann erinnert sich: „Es war die Zeit, als geschickte Hausfrauen Kleider selbst nähten, als alles geflickt, verlängert, abgeändert wurde. Die Geschicklichkeit der Frauen trug viel zur Verbesserung des Haushalt-Budgets bei.“ Man konnte nicht einfach alles kaufen, das war zu teuer.

Zu jener Zeit war im Geschäft viel Betrieb, die Kundinnen brauchten beim Schneidern und Flicken Ratschläge, es wurden Fachgespräche geführt. „Die Freude an schönen Dingen, die Lust am Gestalten, das war ein grosser Antrieb und das hat zuerst meine Eltern und dann mich beflügelt“, bemerkt Elisabeth Allemann.

Gut ausgebildet

Elisabeth Allemann stand schon als 12jähriges Mädchen im Laden und half aus, füllte Gestelle auf und bediente Kundinnen. „Das war selbstverständlich“, sagt sie. Ihren Eltern war es wichtig, dass ihre vier Kinder eine fundierte Bildung erhielten. Die zwei Brüder machten eine Berufsausbildung, ihre Schwester wurde Kauffrau, sie selbst besuchte das Handarbeitslehrerinnen-Seminar und lernte italienisch und französisch. Als ihr Vater starb, führte ihre Mutter das Geschäft weiter, und als es ihr zuviel wurde, trat Elisabeth die Lücke.

„Damals gab ich Mädchen italienischer Herkunft Handarbeitsunterricht, es gab reine Italienerinnenklassen. Als diese Klassen aufgehoben wurden, weil die italienischen Kinder gut integriert waren, übernahm ich das Geschäft“ berichtet die Dietiker Geschäftsfrau. Und sie fügt bei. „Es ist mir in all den Jahren nie verleidet. Denn immer wieder kommen Kunden, die etwas Besonderes suchen und es hier finden.“

Als eine Kundin beiläufig berichtet, zu Mercerie Allemann kämen Leute aus dem ganzen Kanton und darüber hinaus, strahlt Elisabeth Allemann übers ganze Gesicht. „Aufgeben muss ich trotzdem, sagt sie, „aber vielleicht geht die Tradition weiter. Das ist mein grosser Wunsch.“