Der Hund hat meinen Ausweis gefressen

Spannendes aus dem Limmattal

Folgende Porträts erschienen
im Limmattaler Tagblatt:
Ausweis vom Hund gefressen

Der Hund hat meinen Ausweis gefressen

Kinder im Limmattal verhandeln mit Bibliothekarinnen

Die Limmattaler Gemeinde- und Stadtbibliotheken zählen zu den beliebtesten Treffpunkten. Hier ist etwas los. Vor allem dann, wenn Kinder mit Bibliothekarinnen verhandeln.

Helen Busslinger-Simmen
Dass der Hund oder die Katze den Bibliotheks-Ausweis gefressen hat, ist nach den Erfahrungen von Heidi Berri, Leiterin der Stadtbibliothek Schlieren, eine oft verwendete Ausrede. Mit einem Ausweis umgehen, das müssen die Kinder erst lernen. „Viele Kinder kommen sich mit dem Ausweis ziemlich erwachsen vor und sind stolz darauf“, sagt Rosemarie Bühlmann von der Stadtbibliothek Dietikon. Einige hüten denn auch ihren Ausweis wie ihren Augapfel, andere kommen weniger gut damit zurecht.

Fantasievolle Entschuldigungen

Was tun Kinder, wenn sie den Ausweis nicht dabei haben? Sie entwickeln Fantasie. So heisst es: Der Ausweis ging in der Waschmaschine kaputt. – Die Mutter hat ihn entsorgt. – Ich habe Streit mit meinem Bruder, er hat mir den Ausweis versteckt. – Meine Mutter hat mein Zimmer geputzt, seitdem ist der Ausweis weg. - Oder kurzerhand: Mein Freund hat einen Ausweis, wir gehören zusammen.

Wer die Bücher nicht innerhalb der Ausleihzeit abgibt, muss drauf zahlen. Auch dabei verstehen die Kinder zu verhandeln und entwickeln erstaunliches Geschick. Da heisst es: Das Buch ist in Italien, ich habe es dem Cousin ausgelehnt und kann es erst nächsten Sommer holen. – Ich habe die Bücher im Flugzeug liegen lassen, wir fliegen oft um die Welt. – Oder auch: Immer, wenn ich ein Buch zurück bringen will, ist die Bibliothek geschlossen. – Mein Lehrer hat das Buch zurück gebracht. - Ein bisschen Schmeichelei darf auch dabei sein. So sagt ein Kind, welches Bücher nicht rechtzeitig zurückgebracht hatte, freundschaftlich zur Bibliothekarin: „Jetzt haben wir uns aber lange nicht mehr gesehen.“

Heiliges Indianerehrenwort

Verhandlungsgeschick ist gefragt, wenn Bücher beschädigt sind. Ein Bub in Schlieren: Das Buch ist in die Badewanne gefallen – heiliges Indianerehrenwort. Es hiess auch schon: Das Buch ist voller Sand, ich habe es am Meer gelesen. - Die Flecken kommen von der Sonnenschutzcreme. – Ich kann nichts dafür, wenn mir die Bücher vom Velo hinunter fallen.

Wer ein ausgeliehenes Buch nicht mehr findet, befindet sich in einem Erklärungsnotstand. Aber Kinder, die lesen, haben Fantasie: Meine zweijährige Schwester versteht nichts von Büchern, sie hat es zerrissen. – Wir haben gezügelt, das Buch wurde leider nicht eingepackt. - Ein Bub, angeregt durch einen dramatischen Kinderroman, berichtete vom Chaos zuhause, weil die Schwester gestorben sei.

Begegnungsort Bibliothek

Die Bibliothekarinnen wissen, dass sie oft gegeneinander ausgespielt werden. Zum Verhandlungsgeschick gehört es, zu sagen: Die andere Frau hat es erlaubt. – Das darf ich sonst immer. – Sind Sie hier der Chef? - Wer ein Video oder DVD für Erwachsene will, ist um eine gute Ausrede nicht verlegen: Das DVD ist für meinen Vater. – Dieses Video habe ich schon oft angeschaut.

Die Fachfrauen in den Bibliotheken sind für Kinder Bezugspersonen. Unkompliziert werden sie oft „die Bibliothek“ genannt. Heidi Berri erschrickt nicht mehr, wenn es aus dem Schulbus tönt: „Hoi Bibliothek“. Oder sie wird von einem Kinder auf der Strasse gegrüsst, der Mutter wird erklärt: „Das ist die Bibliothek.“ Ruth Theocharides von der Gemeindebibliothek Urdorf wurde auch schon auf der Strasse gefragt, ob sie dieses und jenes Buch reservieren könnte.

„Bibliotheken sind Begegnungsorte. Es gibt Kinder, die kommen vorbei, um zusammen ein Spiel zu machen; einige wollen mit einer Bibliothekarin reden, andere wollen schauen, was wir anbieten“, sagt Ruth Theocharides. Wer erinnert sich nicht an die eigene Kindheit, als die Ankündigung bei den Eltern „Ich gehe in die Bibliothek“ immer gut ankam und ein Deckmantel war für ganz andere Eskapaden.