«Stoff, der alle etwas angeht»

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Folgende Porträts sind in der
Neuen Urner Zeitung erschienen:

Livio Andreina

Livio Andreina: «Stoff, der alle etwas angeht»

Freilichtspiele Fortschritt ohne Seelenverlust: Ob das möglich ist, fragt sich Livio Andreina in «D Tyyfelsbrigg». Der Regisseur erlebt die Urner als innovativ.
Mit Fortschrittsdenken befasst sich nach Ansicht des Regisseurs Livio Andreina bereits die Sage von der Teufelsbrücke - sie wird nächstes Jahr in Andermatt unter dem Titel «D Tyyfelsbrigg» aufgeführt. Und schon heute heisst es, das Theater sei ein «teuflisch gutes Stück».

Helen Busslinger-Simmen

Livio Andreina, als Regisseur beschäftigen Sie sich intensiv mit der Sage von der Teufelsbrücke. Was sagt uns die Geschichte heute?

Livio Andreina: Die Sage berichtet von der Begehrlichkeit, vom Drang nach immer mehr Fortschritt. Gerade diese Frage will ich mit dem Stück «D Tyyfelsbrigg» verhandeln: Gibt es Fortschritt ohne Seelenverlust? Gemäss Sage führte die «Gier nach mehr» eine ganze Talschaft dazu, den Pakt mit dem Teufel einzugehen.

Und welche persönlichen Gedanken verbinden Sie mit dem Stoff?

Andreina: Bereits in meiner Kindheit erlebte ich intensiv, dass nach dem Gotthardtunnel alles anders war. Dort war das Land, wo die Zitronen blühen. Damals bin ich mit dem Zug nach Italien gereist, um meine Grossmutter zu sehen, und die Reise durch den Gotthard war jedes Mal ein riesen Abenteuer für mich.

Welche Herausforderungen stellen sich Ihnen mit dem Stück?

Andreina: «D Tyyfelsbrigg» wird im Freien aufgeführt. Mich beschäftigen die Fragen: Welche szenischen Bilder und welche Musik taugen dafür? Was hat diese alte Sage mit uns heute und hier zu tun? Gelingt es, ein grosses Ensemble zu bilden, welches das Thema der Teufelsbrücke spielen will? Ich will in meinen Projekten einen Stoff finden, den alle Beteiligten zu ihrem eigenen Anliegen machen können. Darum geht es mir im Theater. Ich denke, dass «D Tyyfelsbrigg» ein solcher Stoff ist. Ein Stoff, der alle angeht. Nun freue ich mich sehr auf dieses Abenteuer. Die ersten Proben haben schon begonnen.

Welche Vor- und Nachteile bietet ein Freilufttheater in den Bergen?

Andreina: Die Urner Bergwelt ist mächtig und zeigt sich besonders gewaltig auf dem Weg von Göschenen nach Andermatt. Es ist eine archaische Kraft, die mir da entgegenkommt. Ich inszeniere «D Tyyfelsbrigg» vor einer steil aufragenden Felswand und stelle das szenische Geschehen einer widerspenstigen Natur gegenüber. Für «D Tyyfelsbrigg» und für die Sagengestalten und bodenständigen Figuren, die darin handeln, ist das Abgründige der Urner Berge genau die richtige Umgebung.

Was ist das Reizvolle am Auftrag des Kulturforums Andermatt Gotthard?

Andreina: Mit diesem Auftrag eröffnet sich für mich ein fantastisches künstlerisches Arbeitsfeld, das sehr ungewöhnlich ist. Ich habe die Möglichkeit, etwa mit 70 Schauspielern zu arbeiten, ein grandioses Stück Natur szenisch zu beleben, mit Feuer, Rauch und Wasser geheimnisvolle Bilder zu gestalten. Ermöglicht wird dieser Raum von einem begeisterten Organisationskomitee und einem Ensemble, das leidenschaftlich gerne Theater spielt. Mich interessiert die Zusammenarbeit mit Menschen, die so verschieden sind wie das Leben selber, und bin dankbar für das Vertrauen, das ich bekomme.

Welche Erfahrungen haben Sie bislang mit den Urnern gemacht?

Andreina: Als ich mich für die Arbeit in Andermatt entschieden hatte, sagte ein Freund zu mir: «So, gosch zo de Chnebelgrinden ufe?» Eines weiss ich bisher mit Sicherheit: Solche sind die Urner auf keinen Fall. Im Gegenteil. Ich bin einem wunderbaren Team begegnet, das innovativ und begeistert auf ein Ziel hinarbeitet, von dem wir vorerst nur wissen, dass die Premiere am 12. Juli 2013 stattfindet.

Autorin Gisela Widmer, Bühnenausstatterin Anna Maria Glaudemans und Sie sind ein eingespieltes Team.

Andreina: Wir haben in unserer Zusammenarbeit eine gemeinsame künstlerische Sprache gefunden. Noch bevor das Stück geschrieben ist, erarbeiten wir zusammen das Konzept. So sehe ich, während Gisela schreibt, schon die szenischen Bilder vor mir und weiss von Anna Maria Glaudenmans, in welchem Bühnenraum die Figuren handeln. Das ist ein spannender und befruchtender Prozess, der nicht selbstverständlich ist. Dank der guten Zusammenarbeit kann ich mich ganz auf den Text, die Bühne und die Kostüme verlassen. Zudem wissen wir im Team, welche Worte und Bilder im Freilichttheater funktionieren. Nach verschiedenen Erfolgen an den Luzerner Freilichtspielen wird «D Tyyfelsbrigg», so denken wir, ein weiteres prickelndes Ereignis werden.