Ürner Asichtä

Uri von aussen gesehen

Folgende Porträts sind in der
Neuen Urner Zeitung erschienen:

Karl Lüönd

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Innensicht und Aussensicht

Karl Lüönd, Publizist
Besteht das Problem der Minderheiten in der Schweiz, unter anderem der Bergkantone, etwa darin, dass sie vor allem die Selbstbeschauung, also die Sicht nach innen pflegen und manchmal vergessen, die Fenster zu öffnen, die grosse Aussicht zu geniessen und zu spüren, woher der Wind weht?

In dieser Zeitung wird seit Jahren verdienstvollerweise Gegensteuer gegeben. Inszeniert von Helen Busslinger-Simmen werden die Urner Leser immer wieder mit Aussensichten auf Uri konfrontiert, die nicht nur in Komplimenten enden. Dank des Internets () kann man das alles nachlesen. Da schimpft Art Furrer über das Andermatter Sawiris-Projekt, und der frühere SBB-Chef Benedikt Weibel redet Klartext: Egal, welche Variante am Gotthard realisiert wird - zweite Strassenröhre oder Bahnverlad oder was auch immer -, das Schicksal des Gotthardkantons wird massgeblich von aussen bestimmt werden. Da lohnt es sich schon, sich darum zu kümmern, wie man gesehen wird.

Und es gibt Gegenkräfte, die man nicht unterschätzen sollte. Avenir Suisse, die Denkfabrik der so genannten A-Schweiz mit ihren internationalen Konzernen, sagt - noch nicht als harte politische Forderung des Kapitals, aber als ernsthafte Provokation, als Denkanstoss: Lassen wir doch die Randgebiete veröden. Sie kosten bloss Geld und bringen nichts - im Gegensatz zu den städtischen Agglomerationen, wo das Geld verdient wird. Auch in den grossen Agglomerationen laufen immer mehr Leute mit dem Röhrenblick der eigenen Interessen herum, und wenn die Verteilungskämpfe härter werden sollten, als sie es heute sind, wird diese These Anhänger finden. Patrick Rohr hat es ausgesprochen: Es öffnet sich bei Abstimmungen in der Schweiz immer häufiger der Stadt-Land-/Berg-Tal-Graben und löst den Röstigraben langsam ab.

Und der gleiche Patrick Rohr spricht dann in schöner Naivität gleich auch den Schlüsselsatz aus, der die Wahrnehmung des Oberlands durch die Unterländer kennzeichnet: «Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, nicht mehr in der Stadt zu leben, finde es aber herrlich, zwischendurch in die Berge zu gehen, zu wandern und die herrliche Luft zu geniessen.» Oder ins Vulgärdeutsche übersetzt: Uri und der Rest der Alpenwelt sind gut und recht für ein paar schöne Wochenenden im Jahr und spielen im Übrigen keine Rolle mehr. Werden die Menschen, die dort wohnen, dann zu verschiebbarem Saisonpersonal?

Der weise und witzige Peter von Matt hat die Wirklichkeit geschildert, in der sich auch Uri bewegt: «Das Internet ist zum Dorfplatz der Welt geworden, auf dem sich alle tummeln» - «und das Fernsehen zu dessen Lagerfeuer», hat Aurel Schmidt ergänzt. Die Jungen hören überall die gleiche Musik, tragen die gleichen Kleider, müssen sich den gleichen Drogen gegenüber zu verhalten wissen. Diese Moderne muss nicht bekämpft, sondern verknüpft werden mit den eigenen Traditionen.

Vielleicht liegt das Zukunftspotenzial Uris in einem Phänomen, das Iwan Rickenbacher als Erster entdeckt hat: 40 Prozent aller Urner sind freiwillig irgendwie milizmässig oder gemeinnützig tätig, in Vereinen, bei der Feuerwehr, als Tellspieler oder als Schulräte oder wo auch immer. Gemeinsinn als Zukunftskonzept? Das wäre eine der Fragen für die nach wie vor ungehaltene grosse Urner Zukunftskonferenz.

Quelle: Neue Urner Zeitung vom 06.10.2012