«Beten kann sicherlich helfen»

Uri von aussen gesehen

Folgende Porträts sind in der
Neuen Urner Zeitung erschienen:

Edwin Beeler

«Beten kann sicherlich helfen»

Regisseur Edwin Beeler hat sich im Film «Arme Seelen» mit unheimlichen Geschichten befasst. Gefreut hat ihn, wie offen die Urner über ihre Erlebnisse berichteten.

Helen Busslinger-Simmen

Edwin Beeler, bei Ihren Interviews zum Film «Arme Seelen» haben Sie einen Isenthaler Landwirt befragt. Wie wirkte seine Schilderung?

Edwin Beeler: Sie hat mich tief beeindruckt. Da war einmal die Erzählweise selber: Als wären die Geschichten dramaturgisch durchkomponiert, hat der Isenthaler Bauer mit grosser emotionaler Beteiligung, perfekt formuliert und mit reichem Wortschatz von seinen Erlebnissen berichtet. Hier war noch die ursprüngliche, mündliche Erzähltradition zu spüren, die es bis zum Aufkommen der modernen Medien gegeben hat. Solche Geschichten sind authentisch, sowohl von der Erzählweise, der Tradition als auch vom eigenen Erlebnis her.

Ist es ein Zufall, dass in den Bergen eine eigene Erzähltradition entsteht?

Beeler: Es ist kein Zufall. Man kann dieses Erzählen überall auf der Welt beobachten, sei es im katholisch geprägten Alpenraum, sei es im Himalaja, in Latein- und Nordamerika und so weiter. Überall, wo der Mensch den Naturgewalten ausgesetzt ist, muss er sich schützen. Wo man auf sich allein gestellt ist, bittet man um Hilfe, muss man darauf vertrauen, dass das Vieh weder krank wird noch verunfallt. Dabei spielt auch der Bezug zu den Vorahnen eine wichtige Rolle.

Hatten Sie Mühe, Menschen zu finden, die übersinnliche Erfahrungen gemacht haben?

Beeler: Am Anfang meiner Recherchen war es sehr mühsam. Geholfen haben mir dann Gewährspersonen, die sich in den entsprechenden Tälern und Dörfern auskennen und mich mit den späteren Mitwirkenden bekannt gemacht haben. In einem zweiten Schritt habe ich mich mit den mir empfohlenen Personen in Verbindung gesetzt. Interessant war, dass vor allem Leute aus dem Kanton Uri dem Thema mit einer Offenheit begegneten, die ich anderswo vermisst habe. Zudem sind nach etlichen Vorführungen des Films Leute auf mich zugekommen und haben mir von ihren Erlebnissen erzählt.

Wie zeigte sich das Übersinnliche?

Beeler: Man sah Verstorbene, schemenhaft oder ganz deutlich, hörte unheimliche Geräusche wie Scharren, Klopfen. Türen und Türfallen bewegten sich ohne Menschenhand, Gegenstände flogen durch die Luft. Es gab ganz unterschiedliche Zeichen. Ruhe und Gebet halfen jeweils.

Auch dem Isenthaler Bauer hat stets Beten geholfen. Machen Sie ähnliche Erfahrungen?

Beeler: Das ist ein weites Feld. Beten heisst, für sich und andere etwas Gutes zu wünschen und dabei eine Instanz anzurufen, von der wir uns Hilfe in scheinbar auswegloser Situation erhoffen. Diese Instanz steckt wohl in uns selber, wenn wir tief in uns hineinhorchen. Insofern kann Beten sicherlich helfen, muss aber nicht.

Hilft denn Erzählen beim Verarbeiten?

Beeler: «Endlich können wir darüber sprechen und müssen nicht mehr befürchten, als Spinner abgetan zu werden», wurde mir oft gesagt. Viele befragte Leute waren froh, dass ich die Erzählungen nicht mit einem allwissenden Kommentar von oben herab negativ gewertet habe. Es ging ums Erzählen, nicht ums Erklären. Mich haben die selbst erlebten oder überlieferten Geschichten fasziniert, welche die Filmmitwirkenden am Stuben- oder Küchentisch vor ihrem inneren, geistigen Auge nochmals durchlebt hatten.

Hat man früher Kindern mit Geschichten von Geistern nicht Angst eingejagt?

Beeler: Kinder mögen spannende Geschichten, die ihnen auch ein bisschen Angst machen. Die Erzählungen sollten aber auf ein versöhnendes, friedliches Ende hinauslaufen und keinesfalls als repressives Erziehungsmittel missbraucht werden. Ausserdem nehmen kleine Kinder noch Dimensionen und Sachen wahr, die uns Erwachsenen längst abhanden gekommen sind.

Hatten Sie selbst schon Erfahrungen mit armen Seelen?

Beeler: Nein, ich bin aber in einer Welt aufgewachsen, die stark vom katholischen Glauben geprägt war. Selbstverständlich habe ich auch Sagenbücher gelesen und sie als Jugendlicher regelrecht verschlungen.

Was hat Sie bewogen, den Film zu machen?

Beeler: Es ging mir in erster Linie darum, mit filmischen Mitteln eine Geschichte zu erzählen und dabei auch eine Welt mit ihrer (Seelen-)Landschaft zu dokumentieren, die es in der Zentralschweiz vielleicht auf diese Art und mit dieser mündlichen Erzählsprache nicht mehr lange geben wird. Leider ist kürzlich der befragte Isenthaler Bauer gestorben; und viele meiner Mitwirkenden sind hoch betagt.