«Ürner Grind» mitgenommen

Uri von aussen gesehen

Folgende Porträts sind in der
Neuen Urner Zeitung erschienen:

Carmen Walker Späh

«Ürner Grind» mitgenommen

Am 1. Juni tritt Carmen Walker Späh ihr Amt als Zürcher Regierungsrätin an. Die gebürtige Urnerin sagt, weshalb ihre Abstammung Einfluss auf ihre Arbeit hat. Carmen Walker Späh wurde am 12. April von der Bevölkerung des Kantons Zürich in den Regierungsrat gewählt. Die FDP-Politikerin ist vis-à-vis dem ehemaligen Kollegium Karl Borromäus in Altdorf aufgewachsen. Im Interview spricht sie über ihre Jugendzeit in Uri und darüber, was sie als Urnerin nach Zürich mitgenommen hat.

Helen Busslinger-Simmen

Carmen Walker Späh, welche Erinnerungen haben Sie an die Schulzeit?

Carmen Walker Späh: Die Primarschule besuchte ich in der Mädchenschule bei den Kapuzinerinnen des Frauenklosters St. Karl. Ich erinnere mich gut, wie die Schwestern beim Austragen der Gülle auf die Wiese, die sich im Innern des Klosters befand, die Fenster öffneten mit der Bemerkung: «Wunderbar, dieser landwirtschaftliche Duft. Einatmen, bitte!» Unser heftiger Protest hatte nie Erfolg. Im Kollegium Karl Borromäus konnte ich dann als eine der ersten Studentinnen die eidgenössisch anerkannte Matura absolvieren. Lebhafte Erinnerungen habe ich an unsere Theaterauffüh­rungen, bei denen ich mitspielen durfte. Auch die Lehrer, die es mit uns nicht einfach hatten, bleiben mir im Gedächtnis. Und an der Urner Fasnacht habe ich begeistert mitgewirkt. 1978 bin ich dann nach Zürich gezogen, um an der Universität Rechtswissenschaften zu studieren. Dort habe ich immer wieder ehemalige Internatsschüler getroffen, mit denen mich die Kollegi-Erinne­rungen verbinden.

Was haben Sie aus dem Kanton Uri mitgenommen?

Walker Späh: Aus dem Kanton Uri habe ich meinen «Ürner Grind» mitgenommen. Wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt habe, so gebe ich nicht so schnell auf. Eigenschaften wie Durchhaltewillen, Standhaftigkeit, aber auch Fröhlichkeit und eine grosse Portion Gelassenheit dem Leben gegenüber habe ich im Kanton Uri gelernt. Das hat mir sehr geholfen, weil ich ja in Zürich anfänglich ziemlich allein war. Wahrscheinlich stammt auch meine Begeisterung für Tunnel von meiner alten Heimat: In der Stadt Zürich gelte ich ja als «Mutter des Waidhaldetunnels». Irgendwie ist es für mich logisch, dass man sich seinen Weg suchen muss, notfalls auch im Untergrund.

Beeinflusst die Urner Abstammung Ihre Arbeit auch heute noch?

Walker Späh: Ja, auf jeden Fall. Ich besinne mich sehr oft auf das, was den Kanton Uri einmalig und lebenswert macht.

Und das wäre?

Walker Späh: Die Menschen, die zeigen, dass man an den unwirtlichsten Hängen zufrieden leben kann. Und dann die faszinierenden Geschichten, etwa die von der Teufelsbrücke, von der List der Urner, die mit Hilfe eines Pakts mit dem Teufel eine Brücke über das tosende Wasser bauten. Das habe ich meinen Söhnen erzählt. Natürlich im richtigen Urner Dialekt. In Zürich gelte ich als «zähe» Politikerin. Das hat damit zu tun, dass ich das Kämpfen in Uri gelernt habe. Steine und Hänge muss man zuerst überwinden, bevor man zur Tafel sitzt. Irgendwie ist das bei mir hängen geblieben, auch wenn ich selber in Altdorf eine unbekümmerte Jugend erleben durfte.

Welches Gebiet in Uri gefällt Ihnen besonders gut?

Walker Späh: Ich bin ein Fan von Altdorf mit den schönen, stattlichen alten Häusern. Mich beeindrucken aber auch viele Seitentäler, allen voran das Schächental und die Klausenpassregion, aber auch das Meiental mit dem Sustenpass, wo ich als Kind Verwandte besucht habe. Und natürlich ist da auch noch mein Heimatort Wassen mit der prominenten Kirche.

Was bewegt Sie, wenn Sie über die Axenstrasse in den Kanton Uri fahren?

Walker Späh: Das ist immer wieder eine Fahrt durch meine Gefühlswelt, denn es kommen sofort Kindheitserinnerungen hoch allerdings nicht nur gute. Mir wurde als Kind schlecht ob der vielen Kurven auf der damaligen Axenstrasse. Heute ist diese Fahrt für mich ein uneingeschränkter Genuss, ich kann die herrliche Landschaft am Urnersee geniessen.

Und was haben Sie sozusagen als «Schatz» von Uri mitgenommen?

Walker Späh: Meine Begeisterung für das «Pilznä», das ich in der Gegend von Wassen zusammen mit meinen Eltern erlernt habe. Ich bin nach wie vor fasziniert von diesen wirklich schönen Lebewesen, die ja weder Tiere noch Pflanzen sind. Ob man die Pilze essen kann oder nicht, ist für mich übrigens nicht entscheidend.