«Uri hat für mich etwas Urtümliches, Wildromantisches»

Uri von aussen gesehen

Folgende Porträts sind in der
Neuen Urner Zeitung erschienen:

Thierry Carell

«Uri hat für mich etwas Urtümliches, Wildromantisches»

Herzchirurg Thierry Carrel hat schon früh sein Ohr für spezielle Dialekte geschärft. Und im Reusstal kennt er fast jede Kurve.

Helen Busslinger-Simmen

Herr Carrel, beim Zusammenleben mit Fernsehmoderatorin Sabine Dahinden werden Sie mit dem Urner Dialekt konfrontiert. Verstehen Sie jedes Wort?

Thierry Carrel: Ich bin nur mit der französischen Sprache aufgewachsen. Fribourg war und ist heute immer noch nicht eine typische Zweisprachen-Stadt. 80 Prozent der Bevölkerung spricht Französisch. Aber während des Studiums war ich vier Jahre mit Studenten aus dem Oberwallis in der Gruppe und konnte mir das Ohr für spezielle Dialekte schärfen. Auch dank Abt Martin Werlen, mit dem ich später mehrere Wochen Militärdienst im gleichen Kasernenzimmer in Genf verbrachte, konnte ich diesbezüglich Fortschritte machen. Heute verstehe ich den Urner Dialekt - sogar denjenigen vom beliebten Hermann Arnold aus Bürglen - ohne Mühe.

Sie sind in Freiburg aufgewachsen, studierten in Freiburg und Bern, habilitiert haben Sie sich am Universitätsspital Zürich. Zur Innerschweiz und zum Kanton Uri hatten Sie damals wohl keinen Bezug?

Carrel: Doch, meine Grossmutter war eine geborene Camenzind aus Gersau, sie verbrachte aber ihr Leben in Genf. Dank ihr kam ich bereits als Knabe an den Vierwaldstättersee und verbrachte die Ferien auf der anderen Seeseite als Sabine, die im Sommer in Volligen die Ferien genoss. - Zu dieser Zeit endete für mich der Kanton Uri in Altdorf vor dem Telldenkmal, aber ich kannte alle Stationen der SGV am Urnersee auswendig.

Ihre Partnerin begleitet Sie bei Ihrem regelmässigen Einsatz in Entwicklungsländern. Was bedeutet das Ihnen?

Carrel: Wir sind beide sehr beschäftigt, eigentlich überbeschäftigt. Darum macht es mir grosse Freude, und es spendet mir Mut und Kraft, wenn Sabine unser Team begleiten darf. Sie kann sich dann ein Bild über meine Arbeit machen, aber auch über die schlimmen Bedingungen im Uralgebiet. Sie versteht so besser, warum wir uns dort seit Jahren für Kinder und Jugendliche einsetzen.

Sie haben mit dem Innersten des Körpers, dem Herzen, zu tun. Legen Sie auch deshalb grossen Wert auf Spiritualität?

Carrel: Die Erfahrungen, die ich mache, haben meine Spiritualität wohl noch verstärkt. Man könnte ja denken, dass ein Naturwissenschaftler alles technisch und mechanisch betrachtet. Wenn sich ein Patient aber meinen Händen anvertraut, also wortwörtlich sein Herz in meine Hände legt, bin ich mir bewusst, dass es um sehr viel mehr geht als darum, eine Pumpe wieder zum Laufen zu bringen. Jedes Herz hat, trotz aller Mechanik, etwas Magisches, Unerklärliches.

Sie sind bekannt als Kommunikationstalent, als einer, der mit einfachen Worten das Schwierigste erklären kann. Woher haben Sie diese Begabung?

Carrel: Ich hatte das Glück, für den Unterricht am Gymnasium ausgezeichnete Lehrer geniessen zu dürfen. Einzelne Jesuiten konnten zum Beispiel die schwierigsten philosophischen Theorien mit einem Satz zusammenfassen. Auch später an der Universität durfte ich einzelne Talente kennen lernen. Ich selber habe Freude, wenn meine Patienten möglichst genau verstehen, was mit ihnen geschieht.

Sie sind ein Powerpaar, das sehr viel arbeitet. Wie gestalten Sie die Freizeit? Wie gut kennen Sie Uri?

Carrel: Ja, unsere gegenwärtigen beruflichen Verpflichtungen lassen uns nicht viel Freizeit, aber wir geniessen sie dann sehr intensiv. Sabine kennt ja den Kanton Uri sehr gut. Wir sind hin und wieder auf den Eggbergen, auf dem Arni und in Altdorf sowieso - zu Besuch bei der Familie und bei Bekannten. Weil ich sehr gerne über den Sustenpass in den Nachbarkanton Uri fahre, kenne ich fast jede Kurve im Reusstal. Der Kanton Uri hat für mich etwas Urtümliches, Wildromantisches, seine Landschaft begeistert mich immer wieder neu. Und nochmals: Von den Eggbergen aus lernte ich alle Dreitausender kennen.