Tim Krohn

Im Limmattal getroffen

Folgende Porträts sind im
Limmattaler Tagblatt erschienen:
Tim Krohn

Wenn es „chroslät“ und „schnurät“

Dietikon Lesung von Tim Krohn mit musikalischer Begleitung durch Anna Trauffer

Die Stadtbibliothek lud zusammen mit der Buchhandlung „Skriptum“ zur Begegnung mit dem neuen Buch „Vrenelis Gärtli“ von Tim Krohn ein. Der Leseabend war etwas Besonderes und liess kaum jemand ganz unberührt.

Helen Busslinger-Simmen
Schon beim ersten Satz des Autors Tim Krohn wurden den Gästen bewusst, dass hier ein Schriftsteller las, der in die Mundart verliebt ist. Und zwar in den Glarner Dialekt. Da war von gigelen die Rede, von chäschelen, chiibnen und chlüttlerlen, von einem Möggli, einem Mungg und vom Lugisiech. Viele Dialektwörter waren einfach zu verstehen, wie etwa Ranzenpfeifen, Guttere oder Fötzel, andere bargen ein Geheimnis in sich. Wie etwa Honigbrüüt für Honigbrot, finöggelig für fein und Brittli für Fensterläden.

Ungewohnte Sprache

An diesem Leseabend tauchte man ein in den Glarnerdialekt, in uralte Sagen und Mythen, in eine fremde und archaische Welt, wo magische Kräfte wirken und alte und junge Frauen hexen und zaubern, was das Zeug hält. Man hörte, wie es Tim Krohn versteht, in einem einzigartigen Mix aus deutscher Schriftsprache und Glarnerdialekt ungewohnte Sprachbilder zu schaffen.

Oft liessen die unüblichen sprachlichen Ausdrücke die Zuhörer ratlos werden, dann aber luden sie zum Aufhorchen ein. Jedenfalls widerspiegelte die eigenartige Sprache den Reichtum, die Fülle und die Ausdruckskraft eines Innerschweizer Dialektes. Das Buch „Vrenelis Gärtli“ (Eichborn Berlin) kam letzten Herbst auf den Markt und erregte sofort Aufsehen. Schon das Buch „Quatemberkinder“ von Tim Krohn war rasch im Gespräch, von diesem schwermütigen Schelmenroman ging ein anarchischer Zauber aus. Das Buch „Vrenlis Gärtli“ ist eine Art Fortsetzung der „Quatemberkinder“.

Eingesponnen in Sagen und Mythen

Schnell begriff man im Parlamentssaal, dass Tim Krohn schweizerische Sagenstoffe aufnimmt und ihnen eine neue Gestalt gibt. Von der Hauptgestalt Vreneli hiess es, sein Vater habe mit bösen Mächten paktiert und das Kind habe das zwielichtige Handwerk des Zauberns gelernt. Als Krohn schilderte, wie Vreneli in Gestalt eines roten Fuchses über Berge und Gletscher geisterte und überall Überraschungen hinterliess, erinnerten sich manche Gäste an Märchen und Sagen, die sie als Kind gehört hatten.

Versponnen war auch die Szene, in der Vrenelis verstorbene Mutter eine Hummel wurde und davonflog. Krohn schilderte, wie Vreneli voll in die Welt der Zauberei geriet, als sie zu einer alten Frau, dem Besiäneli, auf den Urnerboden kam. Im Roman nicht fehlen durfte eine Liebesgeschichte: Vreneli traf den Waisenknaben Melk und spürt ein Sehnen, das es vordem nicht gekannt hatte. Eine besondere Stimmung beim Vorlesen schuf Anna Trauffer, die mit verschiedenen Instrumenten und Gesang die Welt der Sagen heraufbeschwor.

Unterschiedliche Reaktionen

Eine Umfrage ergab, dass sich viele Leser an den versponnenen und eigenartigen Figuren im Buch freuten. Es hiess aber, für den Lesegenuss sei es wohl nötig, die Welt der Sagen ein wenig zu kennen und einen Zugang zu haben zum Archaischen, zu Explosionen der Fantasie. Andere Gäste fanden den Zugang zum Buch nicht, sie störten sich an den Dialektausdrücken, welche gemäss ihrem Verständnis den Fluss der Geschichte unterbrechen. Auch bei einigen Vorbehalten war aber klar, dass der Leseabend anspruchsvoll und eigenartig war, zwei Stunden, die man wohl nicht so leicht vergisst.