Altdorfer Dorfgeschichten

Folgende Porträts sind im
Urner Wochenblatt erschienen:

Rutschende Strümpfe und schnurgerade Scheitel

Helen Busslinger-Simmen
Man sieht es auf begehrten Fotos der fünfziger und sechziger Jahre: Die Kleider für den Alltag mussten praktisch und gut waschbar sein. die Sonntagskleider waren festlich und sollten etwas darstellen, gern wurde deswegen Weiss mit Schwarz kombiniert. Für die Mädchen gab es weisse Kragen und Schleifen, die Buben trugen jene überdurchschnittlich weiten Hosen aus grobem Stoff, wo die Beine wie dünne Zweige herausragten. Fürs Fotografieren machte man sich schön, die Haare wurden schnurgerade gescheitelt und an den Kopf gepresst.

Mädchen und Buben mussten den täglichen Kampf mit den Strümpfen bestehen, die Strümpfe waren nämlich an einem Gummiband befestigt. Wenn das Band riss, rutschten die Strümpfe hinunter und kringelten sich, wir mussten sie mit der einen Hand festhalten. Uns schienen diese Strümpfe hart wie Bretter zu sein, im Frühling sehnten wir uns nach dem den geliebten Kniesocken.

Wir gingen täglich unseren Eltern mit der Frage auf die Nerven. „Dürfen wir Kniesocken anziehen?“ Das wurde meistens abgelehnt und mit Hinweisen auf eine mögliche Lungenentzündung begründet. Nach überstandenem Winter sahen sich die Mütter wieder als Krankenschwestern am Bett ihrer Kinder, während langen, schlaflosen Nächten. Aus ihrer Sicht war das Verbot der Kniesocken verständlich, für uns war es eine Katastrophe. Wer als erste in der Klasse kniefrei herumlief, war der Held des Tages.

Es war üblich, dass die Jüngeren die Kleider austrugen, nur die Ältesten erhielten neue Kleider, von solchem „Nachtragen“ waren Buben wie Mädchen betroffen. Was in unsern Augen eine Zumutung war, spiegelte die wirtschaftlichen Verhältnisse. Das Haushaltbudget liess es nicht zu, den jüngeren Kindern auch noch Kleider zu kaufen. Wer der oder die Jüngste in der Familie war, konnte oft erst dann etwas Neues tragen, wenn er oder sie diese selbst bezahlen konnte.

Weil das Waschen damals viel zu tun gab, versuchte man, die Kleider zu schonen. In der Schule trugen wir Ellbogenschoner, damit der Pullover vom Herumrutschen auf dem Bank keine Löcher bekamen. Der Wäschetag war in den Familien ein Ereignis, das Einweichen, Vorwaschen, Kochen, Stöpseln und Reiben war aufwändig und forderte alle Kräfte. Ich stand gern in der Waschküche den Erwachsenen im Weg und mochte den Geruch nach frischer Seife, die Gesichter der arbeitenden Frauen verschwanden jeweils im Wasserdampf.

Als wir Mädchen anfingen, Hosen zu tragen, war es eine kleine Revolution; in der Schule wurde dagegen gewettert, es wurde von Sittenzerfall gesprochen und gesagt, die weibliche Würde nähme Schaden. Diese Reminiszenz kommt mir manchmal in den Sinn, wenn ich ältere Damen in schicken Hosenanzügen sehe, die keinesfalls Anstoss erregen und sich offensichtlich wohl fühlen. Am Anfang der Hosenmode wurden den Mädchen Skihosen gestattet, später waren Dreiviertelhosen begehrt, zu denen wir flache Schuhe trugen, eine Mode, die sorgloses Herumtollen ermöglichte.

Mir gefielen unsere Mütter in den Baumwollkleidern, werktags trugen sie alte Kleider aus und banden sich eine Schürze um. Wer sich für einen Weg ins Dorf entschloss, wusch die Hände, trocknete sie an der Schürze ab und hängte diese an einen Haken. Weil damals der Kleiderstil zum Beruf gehörte, beobachteten wir die Frauen des Dorfes und tasteten dabei unsere Möglichkeiten ab. Ob wir Hausfrauen und Mütter werden könnten, überlegten wir, mit Haus und Garten und Kindern, werktags die Schürze umgebunden, am Sonntag im festlichen schwarzen Kleid? Oder wie die Klosterfrauen einen Beruf haben und den „Schleier nehmen“? Als Vorbilder dienten auch Geschäftsfrauen, oft unverheiratet, die einen eigenen Status hatten und energiegeladen wirkten. Solche Bilder und Zukunftsvisionen hatten wir im Kopf, aber noch waren die Haare gescheitelt, noch trugen wir Zöpfe, noch rutschten die Strümpfe. Alles lag noch in der Schwebe, noch schien das Unmögliche möglich.